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Stroke Unit - Jede Minute zählt

(Auszug aus "Das Herz gleicht einem Garten")

Ein noch junger Arzt, schätzungsweise Anfang bis Mitte dreißig, es war schwer zu schätzen, wenn junge Männer schon früh ihre Haare verlieren, dann sehen sie oft älter aus, als sie es tatsächlich sind, kam, nachdem er den Bericht der abgebenden Klinik gelesen hatte, zu mir und befragte mich nach meinem Zustand. Er trug eine Brille, die dürftige Haarpracht war hellblond. Auch er wirkte überlastet, sehr angespannt, aber dennoch voll konzentriert und bei der Sache. Ich fand ihn sympathisch. Ich musste die Arme nach vorne strecken, die Mundwinkel zu einem Lächeln hochziehen, bis zu beiden Ohren, anschließend das Gesicht zusammenziehen, dabei die Augenbrauen und den Mund grimmig verziehen und zu guter Letzt die Zunge ganz weit rausstrecken. Einen ganz kurzen Moment dachte ich, der junge Arzt nimmt mich auf den Arm. Ich lächelte ihn kurz verlegen an, doch er blieb ganz ernst, also mussten diese Tests doch irgendwie System haben. Die wichtigste Frage seinerseits war, wann die Lähmungen eingetreten waren, wie viel Zeit also seitdem vergangen war.

Ich versuchte, gedanklich den Tagesablauf zu rekonstruieren.

»Ich glaube, das muss so gegen 12 Uhr mittags gewesen sein.«

»Sind Sie sicher?«, fragte der Arzt sichtlich beunruhigt. Wir hatten jetzt ungefähr 16.30 Uhr. Meine kleine Handtasche mit meinen Handy drin lag außerhalb meiner Reichweite.

»Wenn Sie mir mein Handy geben könnten, dann kann ich Ihnen genau sagen, wann es begonnen hat. Ich habe nämlich meine Physiotherapeutin angerufen, als ich die ersten Lähmungen gespürt habe.« Mir wurde mein Handy gereicht und ich schaute schnell nach, wann mein ausgehender Anruf erfolgte. »Ich habe mich vertan, es war doch später, gegen 14 Uhr hat alles angefangen.«

Der Arzt sah mich an, als hätte er gerade noch rechtzeitig seinen Flieger im Terminal erreicht.

»Das ist sehr gut«, sagte er sichtlich erleichtert. »Dann haben wir noch ein enges Zeitfenster, um die Lysetherapie einzuleiten.« Ich wusste nicht, was eine Lysetherapie war. Überhaupt war mir immer noch nicht klar, was ich überhaupt hatte.

»Mit der Lysetherapie lösen wir das Blutgerinnsel, das höchstwahrscheinlich alles ausgelöst hat, medikamentös auf«, sagte er zu mir, ohne mich anzuschauen, gleichzeitig trug er emsig die dafür erforderlichen Utensilien zusammen. Der Venenzugang im linken Arm war mir bereits vor dem Krankentransport gelegt worden.

»Blutgerinnsel können sich infolge von Gerinnungsstörungen, körperlicher Inaktivität oder verschiedenster Vorerkrankungen bilden. Sie stellen eine mechanische Barriere für den Blutstrom dar, indem sie ein Gefäß verengen oder ganz verstopfen. Die Folge ist eine Ischämie, also eine Unterversorgung mit Sauerstoff. Meine Vermutung ist, dass Sie einen Rückenmarksinfarkt erlitten haben. Nachweisbar ist das aber erst durch ein MRT.« Ich hörte ihm zu, ohne richtig zu begreifen.

»Mit jeder Minute, die vor Beginn der Lyse verstreicht, stirbt mehr unterversorgtes Nervengewebe ab. Daher ist für die Einleitung der Akuttherapie ein Zeitfenster von 4,5 Stunden festgelegt worden. Beginnt die Lysetherapie zu spät, lässt sich das Gerinnsel kaum noch medikamentös auflösen«, fügte er hinzu. Die Nadel wurde durch die Kanüle des Venenzugangs eingeführt und während der nächsten Stunde erhielt ich die Lyse-Substanz gespritzt. Noch immer lag ich im Aufnahmeraum der neurologischen Ambulanz, um mich herum weitere Patienten...

 
 
 

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